Text zur Reihe „Was tun? Zum Verhältnis von Theorie und Praxis“

[hier als pdf]

Galloudec an Antoine. […]
So ist die Welt eingerichtet und es ist nicht gut so.
Heiner Müller, Der Auftrag

SPIEGEL: Wie wollen Sie aber die gesellschaftliche Totalität ohne Einzelaktionen ändern?
ADORNO: Da bin ich überfragt. Auf die Frage ‚Was soll man tun’ kann ich wirklich meist nur antworten ‚Ich weiß es nicht’. Ich kann nur versuchen, rücksichtslos zu analysieren, was ist. Dabei wird mir vorgeworfen: Wenn du schon Kritik übst, dann bist du auch verpflichtet zu sagen, wie man’s besser machen soll. Und das allerdings halte ich für ein bürgerliches Vorurteil.
SPIEGEL 19/1969, 206.

Immer wieder gab es in den letzten Wochen Demonstrationen, etwa die der Stuttgarter Wutbürger, die der Linken und anderer ,engagierterʹ Bürger gegen ,die Banken und Finanzmärkteʹ bzw. ,die da obenʹ, die von Studierendenaktivisten oder die von sogenannten ,Linksradikalenʹ. Doch die meisten Stuttgarter wollen ihre Ruhe, ob vor Bauprojekten oder vor Demonstranten, die große Masse der Bundesbürger will Sicherheit, die Sicherung ihrer kleinbürgerlichen Habe im Angesicht der Krise, und die meisten Studierenden wollen credit points, während sie inbrünstig auf einen unbezahlten Praktikumsplatz hoffen. Die große Masse der Menschen nimmt die gegenwärtigen Verhältnisse gleichsam schicksalhaft, als naturgegeben hin oder affirmiert sie, was jeder gesellschaftskritische Ansatz reflektieren sollte.
Auf die Straßen geht also nur eine Minderheit. Manche treibt vielleicht nur ihr Ressentiment oder der Zwang, tun und machen zu müssen, um der eigenen Bedeutungslosigkeit nicht gewahr zu werden. Viele sehen aber wahrscheinlich die eigentlich mehr als offene Verelendung und Armut in weiten Teilen der Welt, trotz des ausreichenden Vorhandenseins von Nahrungsmitteln und anderen Ressourcen. Sie sehen die ungerechte Verteilung des weltweiten Reichtums, der nicht ansatzweise der Mehrzahl der Menschen zur Verfügung steht, oder die fatalen Folgen etwa europäischer Großmachtpolitik, die von Menschenrechten spricht, ihre Interessen aber unter völliger Missachtung dieses Ideals vertritt – etwa im Rahmen wirtschaftlicher Kollaboration mit den übelsten Regimen. Andere sehen das Leid der Menschen in ebendiesen autoritären Regimen oder den Terror der islamistischen und anderer Krisenbewältigungsideologien. Es müsse doch ,endlich auch mal was getanʹ, statt ,nur geredetʹ werden, heißt es dann.

Doch mit Leidenschaft allein lassen sich die bürgerlichen Verhältnisse nicht beseitigen, auch regressive Ideologien nicht angreifen. Vielmehr bedarf es einer Aufklärung auf der Höhe der Zeit, einer Kritik der Gesellschaft als „Kopf der Leidenschaft“, wie Marx es einmal ausgedrückt hat. Es gilt ein Denken zu fördern, das keinen Frieden schließt mit der Realität, sondern vom Gedanken nach Emanzipation in seinem emphatischen Sinne geleitet ist. Dass Kritik damit ganz grundsätzlich den Charakter einer politischen Intervention annimmt, befreit zwar niemanden aus dem Dilemma von Theorie und Praxis, lehnt aber zumindest deren starre Gegenüberstellung ab, die immer schon der gegenwärtigen Gesellschaft verhaftet bleibt. Sie schützt gleichzeitig vor Aktivismus, der in seinem Rausch nie davor gefeit ist, in Fanatismus und Brutalität gegenüber den erklärten Sündenböcken umzuschlagen.

Eine Kritik, die sich selbst nicht einbezieht, und der keine Auseinandersetzung mit dem Gegenstand, keine Analyse zugrunde liegt, ist nichts weiter als Ressentiment. Diese treibt dann Blüten, etwa die Gewaltphantasien vermeintlicher Antikapitalisten, die ,Banksterʹ aufknüpfen sollen, oder auf der anderen Seite der Palette die Forderungen vermeintlich ,ideologiekritischerʹ Gegner des islamistischen Terrors nach Abschiebung ,muslimischer Straftäterʹ. „Falsche Praxis ist keine“, heißt es bei Adorno und weiter, dass diese in ihrem Tun sich mit dem Unheil verbindet, das sie eigentlich abschaffen will. Solche Praxis ist zu kritisieren, ja anzugreifen, sei es der bündnisgrüne Marsch durch die Institutionen, der in der Bombardierung des ehemaligen Jugoslawiens durch die deutsche Luftwaffe endete, sei es die Forderung von Attac und sogenannten Globalisierungsgegnern zur Zähmung der Finanzmärkte, wie sie mittlerweile quer durch alle Parteien und gesellschaftlichen Schichten en vogue ist. Jeder ,Aufruf zum Handelnʹ verstrickt sich in die Aporien falscher Praxis. Praxis hätte sich aber zu messen an dem Denken, welches dem Unbehagen im falschen Ganzen zur Reflexion verhilft. Es stellt sich die Frage, ob es überhaupt irgendeine Möglichkeit gibt, sich angesichts der Ohnmacht gegenüber den kapitalistischen Verhältnissen, des ,notwendig falschen Bewusstseinsʹ der Menschen und des weltweiten Siegeszuges regressiver Krisenbewältigungsideologien einer emanzipatorischen Praxis zuzuwenden, die die Verhältnisse anzukratzen vermag, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.

„Praxis meint, schon einen Schritt weiter zu sein, weil sie schon im Prozess der Bemühungen um Veränderung mittendrin sei“, schreibt Fabian Kettner. „Das ist sie nicht. Sie ist mindestens einen Schritt davor, wenn sie noch nicht angefangen hat, auf sich selbst zu reflektieren, auf das, was sie tut, wenn sie handelt, und auf die Theorie, nach der sie handelt, womöglich ohne es zu wissen.“ Eine Kritik der Gesellschaft darf nie ohne Selbstreflexion, ohne Selbstkritik auskommen, muss vielmehr von dieser ausgehen. Die oft genug geforderte ‚konstruktive Kritik’, mit anderen Worten der Verbesserungsvorschlag, ist keine Kritik. Gleiches gilt für eine Kritik der herrschenden Verhältnisse, die ,zur Praxis übergehenʹ will, bevor sie diese überhaupt theoretisch oder analytisch erfasst und durchdrungen hat. Sie ist zumeist eine Affirmation ebendieser Verhältnisse, die dem falschen Schein des kapitalistischen Ganzen auf den Leim geht. Die Folge ist eine „verkürzte“ oder schlicht gar keine Kritik – etwa die der bereits angesprochenen ,globalisierungskritischenʹ oder ,antikapitalistischenʹ Bewegungen, die lediglich die Zirkulationssphäre thematisiert, die Banken und das Finanzkapital, die sie gleichsam moralistisch für ihre Gier und ihren schlechten Charakter und damit verbunden für das Elend dieser Welt verantwortlich macht. Doch Mehrwertproduktion und Kapitalakkumulation sind der Wesenskern der kapitalistischen Vergesellschaftung, der durch die gesellschaftlich notwendigen Mechanismen des Fetischzusammenhangs und der Ideologien verschleiert ist. Praxis hätte diesen Zusammenhang zu durchbrechen und sich zugleich bewusst zu machen, wie sehr sie selbst darin verhaften bleibt.

Spricht man über Praxis, muss zudem bedacht werden, dass dieser Begriff für nicht wenige Menschen auf etwas ganz anderes verweist. Der Hartzer schlägt sich mit Jobcenter und Antragsformularen herum. Der Schüler mit Prüfungs- und Notensystem. Der Flüchtling mit Schleusern und FRONTEX. Der Verhungernde mit dem bürgerlichen Glücksversprechen der westlichen Welt. Für sie bedeutet ,Praxisʹ eine alltägliche Ohnmachtserfahrung. In ihren Handlungen gewinnen sie so viel Autonomie wie jemand, der mit dem Kopf gegen eine Betonmauer rennt. Es ist somit unabdingbar für gesellschaftskritisches Denken, von einem komplexeren Praxisbegriff auszugehen, als üblich. Jede Berührung mit den gesellschaftlichen Institutionen ist in diesem Sinn als Praxis zu verstehen. Ob wir nun einkaufen, einen Universitätsabschluss machen, den Anweisungen der Polizei Folge leisten, Zeitung lesen oder unseren Lieben mit einer gehörigen Portion innerer Distanz begegnen, immer bewegen wir uns in den Bahnen, die uns die Gesellschaftsstruktur gewährt – sei es, dass wir dabei eine Wahl haben oder nicht. Um auf den genannten Hartzer zurückzukommen: Wenn er einen Antrag auf Arbeitslosengeld II stellt, ist bereits vollkommen in das Bestehende verstrickt. Er erkennt die staatliche Armutsverwaltung und ihre Institutionen an, weil er keine andere Wahl hat. Er bekommt den deutschen Arbeitsdiskurs deutlich zu spüren, er ist beständigem Zwang ausgesetzt, gibt sich allenfalls der Hoffnung auf bessere Zeiten hin. Und er ist in der Regel von gesellschaftsanalytischem oder -kritischem Wissen abgeschnitten. Letztendlich bleiben ihm nur zwei Möglichkeiten: sich zu fügen oder sinnlos gegen die Vertreter der Institution anzurennen. Beide Handlungsweisen führen zu keiner Veränderung. Ein angemessener Praxisbegriff muss diese objektive Ohnmacht einbeziehen und darf sich nicht der den Aktivisten beruhigenden und eher romantischen Vorstellung hingeben, durch eine Demonstration, eine Party oder einen Vortrag bekomme das System auch nur einen Kratzer.

Ebenso wie der Praxisbegriff muss auch der der Theorie weiter gefasst werden. Zwar sind globale gesellschaftliche Analysen unabdingbar, jedoch muss auch Theorie sich auf die verschiedensten praktischen Situationen ausdehnen, sie analysieren – um sie in irgendeiner Weise sabotieren zu können. Gerade von einer bestimmten, lokalen Praxis kann im Fall der Fälle eine Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse ihren Ausgang nehmen, auch wenn es derzeit unmöglich ist, hier von einer vollständigen zu sprechen. Die Reflexion des alltäglichen Lebensvollzugs erfordert eine Reflexionsfähigkeit, die nur innerhalb dieses Lebensvollzugs erworben werden kann. Praxis sollte sich also auf den konkreten alltäglichen Lebenskontext beziehen, um nicht das Individuum zu überrollen. Doch ohne die reflexive Rückbindung von alltäglicher, konkreter Praxis auf den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang wäre sie gleichzeitig nur Reproduktion eben dieses Zusammenhangs in seiner Erscheinungsform. In dieser Reflexion hat sie ihre Vermittlung zur Theorie, wie diese umgekehrt dadurch immer auch Praxis ist.

Sicherlich führt kein direkter Weg von einer vermeintlich richtigen Theorie zur richtigen Praxis. Dies würde Theorie auf bloße Handlungsanleitungen reduzieren und verdinglichen, obwohl gerade darin ihr praktisches und zugleich autonomes Moment der reflexiven Dynamik liegt, sich der eigenen Vermittlung mit dem falschen Ganzen bewusst zu sein. Beide würden zum Dogma, zum Allgemeinen, dass die objektive Form gegen das Besondere, gegen das Individuum repressiv wiederholt. Umgekehrt ist die Hypostase des Besonderen, des individuellen Tuns gegenüber der Gesellschaft letztlich die Reproduktion des gesellschaftlichen Scheins, wonach das Individuum unvermittelt Einfluss auf die Verhältnisse nehmen könne. Doch, wie etwa Adorno schreibt, sind „Theorie und Praxis weder unmittelbar eins noch absolut verschieden“.

Reflexives Denken ist jeder Praxis vorgelagert, so wie Theorie der Praxis bedarf, um nicht verloren zu sein. Im praktischen Lebensvollzug heißt das, die Schwierigkeiten bis an so manche Grenzen aushalten, sich der Ohnmacht bewusst zu sein, ohne sich ihr hinzugeben, sich nicht dumm machen zu lassen. Das bedeutet aber eben gerade nicht die intellektuelle Selbstkasteiung oder aber die Aufgabe an einen fatalistischen und schlechten Hedonismus, sondern die Autonomie reflexiven Denkens mit der individuellen wie intersubjektiven Organisation eines ,richtigeren Lebens im Falschenʹ ins Spiel zu bringen. Im Verhältnis von objektivem Genuss, Lust und Hingabe und der der Anerkenntnis der eigenen Verstrickung in Verhältnisse, die der Mehrheit der Menschen diese ,Glücksmomenteʹ vorenthalten, fänden sich autonome Momente wieder, die schon so etwas wie ,richtigereʹ Praxis wären. Das dies vermessen klingt im Angesichts der erbärmlichen Lage so vieler Menschen, ist klar.

Paradoxerweise wäre ein erstes Ziel von Praxis innerhalb des Ganzen Verhältnisse zu schaffen, die diesen Menschen die Möglichkeit gibt, jene Reflexion zu vollziehen, die Praxis erst bedingt. Was hieße, die Lebenslage der Menschen in den sogenannten Weltmarktperipherien zu verbessern, um ihnen gesellschaftliche Reflexion zu ermöglichen, wo doch aber unsere Praxis immer verstellt ist und genau jene Verhältnisse reproduziert? Wer die Wahl hat zwischen theorie- bzw. reflexionsloser Praxis und Theorie, die von der richtigen Praxis eine Ahnung hat, ohne sie umzusetzen zu können, sollte sich wohl für letztere entscheiden. Wer sich dann allerdings darauf zurückzieht, die Selbstaufgabe des Hartz-4-Empfängers oder die Theorielosigkeit rebellierender nordafrikanischer Jugendlicher zu diffamieren, blendet die zugrundeliegenden Verhältnisse und die kapitalistische Logik aus oder affirmiert sie – nicht weniger als der engagierte Aktivist, der „die 99%“ gegen „die Macht der Banken“ verteidigen will.

Theodor W. Adorno: Marginalien zu Theorie und Praxis, in: ders. (2003/1977): Kulturkritik und
Gesellschaft II. GS 10.2.
Heiner Müller: Der Auftrag und andere Revolutionsstücke, Stuttgart 32005.
Fabian Kettner: „Wenn ich verzweifelt bin, was geht’s mich an?“ Über Theorie und Praxis, in: ders., Sven Ellmers u. Paul Mentz (Hg.): Theorie als Kritik, Freiburg 2007.
Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1 (1976).

http://www.kritischeintervention.wordpress.com

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